1. Vorspiel
  2. It’s just porn, mum!
  3. Abstumpfen vs. sexuelle Revolution
  4. „Jogginganzug der Erotik“
  5. Ich bin, was ich zeige?!
  6. Brenzlig grenzenlos
  7. Sexualität eine Sprache geben
  8. Sex sells, oder nicht?
  9. Die wichtigste Frage
  10. Nachspiel

Alles geht, nichts muss

Befreien Social Media unseren Sex?

Alles geht, nichts muss
Befreien Social Media unseren Sex?
Vorspiel
Google Poetry

Google Poetry

Was ist Sex?

It’s just porn, mum!

Fangen wir dirty und rough an. Wer über Sexualität im World Wide Web nachdenkt, kommt nicht an pornografischen Inhalten vorbei. Sie sind omnipräsent und tief in sozialen Netzwerken verankert. "Im Netz kann man mittlerweile alles haben, wofür man früher hinter den Perlenvorhang einer Videothek gehen musste", stellt Gabriele Kuhn fest. Die Wiener Journalistin schreibt seit 2002 für den KURIER über "Sex in der Freizeit“ – stets mit ironischem Augenzwinkern. 

Gabriele Kuhn zum Thema omnipräsente Sexualität

"Das verändert unsere Sexualität insofern, als dass zum Beispiel Kids denken: ,das ist normal’, ,so muss Sex sein’. Das finde ich nicht gut. Da fällt das Geheime und der Zauber von Sexualität weg,“ sagt Kuhn weiter.  Zugegeben, der klassische Porno-Charme à la „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“ lässt wenig Raum für Zauberei. Klick, Bumms, aus. 

Abstumpfen vs. sexuelle Revolution

Der Verdacht liegt nahe, dass wir durch die massive Porno-Beschallung sexuell abstumpfen. Das deutsche Max-Planck Institut hat dieses Phänomen im Rahmen einer Studie untersucht und kommt zum Schluss, „dass ausgerechnet der Bereich des Gehirns, der aktiv wird, sobald jemand etwas sexuell Erregendes betrachtet, umso weniger Aktivität zeigt, je mehr Pornos der Proband sich ansieht“. Hört sich logisch an. 

Statt jetzt die Moralkeule rauszuholen und auf Pornos zu dreschen, spinnen wir den Gedanken weiter, machen ihn ein bisschen weniger dirty. Die Tatsache, dass es ein unfassbar großes Angebot an pornografischen Inhalten im Netz gibt, bedingt auch einen komplett neuen Umgang mit Sexualität im allgemeinen. Die Hamburger Autorin und Bloggerin journelle spricht von einer „digitalen sexuellen Revolution“.

Im Rahmen der republica 2014 erklärt sie auf eindrucksvolle Art und Weise: „Sex-Arbeiter sowie Konsumenten emanzipieren sich und verlassen die gesellschaftliche Schmuddelecke.“ Porno-Portale, Darsteller und Produzenten treten vor den imaginären Perlenvorhang, stellen sich dem Diskurs der Masse. Konsumenten und Interessenten treten in Kontakt, trauen sich – wenn auch nur anonymisiert – nachzufragen  und erweitern so ihren Horizont. Bloggerin journelle sieht darin eine Form der „Metasexualität“. Die Crowd macht Sexualität zum Gesprächsthema, diskutiert die unterschiedlichsten Facetten von sexueller Lust. 

Auch Unternehmen haben diese Chance erkannt, mischen sich mit Kondomen, Sex-Toys und anderen lustvollen Produkten in die Konversation ein. Auf Facebook und in Blogs zum Beispiel über den cleveren Einsatz von Liebeskugeln zu referieren, ist längst salonfähig. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen man schräg angeschaut wurde, wenn man sich mit unauffällig braunen Sackerln aus Erotikshops geschlichen hat.  

In dem globalen Diskurs sieht journelle die Chance, „unsere Sexualität für uns zurück[zu]fordern und sie nicht gesellschaftlichen Annahmen zu unterwerfen.“ Dringende Empfehlung: ein bisschen Zeit nehmen und den republica Vortrag von journelle in Gänze anschauen.

Beyond Porn - Vortrag von journelle
„Jogginganzug der Erotik“

Sex-Kolumnistin Gabriele Kuhn beobachtet in dem Zusammenhang eine weitaus entspanntere Entwicklung: „Der neue Umgang mit Sexualität ist lockerer und lässiger, sowas wie der ‚Jogginganzug der Erotik’.“ Das gelte vor allem für Generationen, die mit dem Social Web aufgewachsen sind. 

Gabriele Kuhn zum lockeren Umgang mit Sexualität

Vom lockerflockigen Flirt auf Tinder bis hin zu Sex auf Anfrage via „Bang Friends“ ist dem Gustieren im Netz keine Grenze gesetzt. 

Casual Sex à la Hollywood

Casual Sex à la Hollywood

GIF aus dem Kinofilm "Friends with Benefits"

Selbst sexuelle Vorlieben, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken, stoßen in der globalen Community auf Resonanz. Prominentes Beispiel: das amerikanische Fetisch-Network FetLife mit knapp drei Millionen Usern. Kuhn sieht darin einen grundlegenden Wandel im zwischenmenschlichen Miteinander: „Was früher sehr viel Aufwand bedeutet hat, fällt jetzt weg. Wir müssen uns nicht mehr hübsch machen, geduldig sein und aufs nächste Date hoffen.“ 

Hört sich doch eigentlich recht entspannt an. Jeder kann, wenn er will. Nichts muss. Selbst Institutionen und Unternehmen flirten fleißig mit, bieten Raum für lustvolle Get-togethers. Willkommen im digitalen Swinger Club.

Ich bin, was ich zeige?!

Fassen wir kurz zusammen. Die Vielfalt an sexuellen Inhalten und Angeboten im Netz, bietet unbegrenzte, lustvolle Möglichkeiten, ergo Freiheiten. Diese kollektive Freiheit spiegelt sich nicht nur in Partnerbörsen oder Porno-Portalen wieder. Sie wird auch dort spürbar, wo vermeintlich intimes bewusst öffentlich gemacht wird. 

Suchergebnisse von Bacon bis Zigarette

Suchergebnisse von Bacon bis Zigarette

Screenshot Instagram-Search 

Konkretes Beispiel: das #aftersexselfie. Der Name ist Programm. Nach dem Sex veröffentlicht man ein Selfie von sich und seinem Sexualpartner auf Instagram. Warum? Gute Frage. Sabine Fischer, selbstständige Wiener Psychotheraupeutin vermutet dahinter eine Art von Stolz und Selbstdarstellung: „Für diese Personen scheint es wichtig zu sein, im Mittelpunkt zu stehen. Hier kommt es allerdings auf die jeweilige Persönlichkeitsstruktur an.“ 

Sabine Fischer zum Phänomen #aftersexselfie

So selbstverständlich und locker lässig scheint der Umgang mit Sexualität also doch noch nicht zu sein. Wäre er es, hätte man wahrscheinlich keine große Chance, mittels #aftersexselfie im Mittelpunkt zu stehen. Oder ist das Ganze nur ein weiterer Web-Hype, der nach einem gewissen Zeitraum an Interesse und Zuspruch verliert?

Sex-Kolumnistin Kuhn sieht es pragmatisch: „Das gehört dazu. Das ist Teil der neuen Netzkultur.“ Psychotherapeutin Fischer sieht es kritischer: „Im Grunde ist Sexualität  ja etwas ganz intimes, das Nahste, was es gibt. Wenn ich das exponiere und keine Grenzen mehr habe, wo bin ich dann? Habe ich keine mehr?“

Brenzlig grenzenlos

Ok. Akzeptieren wir, dass ein gewisser Exhibitionismus zur freien Netzkultur gehört. Schadet ja schließlich niemandem. Wie schauts aber aus, wenn intime Inhalte ungewollt im World Wide Web landen? Gehört ebenso zum digitalen Alltag, ist jedoch absolut inakzeptabel. 

Machen wir es konkret. Die mobile App Snapchat ist vor nicht allzu langer Zeit damit aufgefallen, dass geteilte Inhalte nicht beim Empfänger gespeichert werden, sondern direkt nach dem Öffnen wieder verschwinden. 

„Perfekt“, denken sich jene User, die Nacktbilder und ähnlich intime Inhalte ohne großes Aufsehen mit ihren Liebsten teilen wollen. „Perfekt“, denken sich jene Empfänger, die per Smartphone einen Screenshot vom Nacktbild machen und online stellen. Die gesammelten Screenshot-Ergebnisse finden sich dann unter dem Titel „Snapchat Nudes“ bei Google, Twitter und Co. wieder. 

Gabriele Kuhn zu Snapchat-Screenshots und Revenge Porn

Binnen kürzester Zeit wird der Freiheit eine Grenze gesetzt. Aus gewollt wird ungewollt und bleibt im Netz. „Deswegen ist es auch so wichtig, Jugendlichen mit auf den Weg zu geben, dass sie darauf achten, was sie in die Welt hinausstellen“, sagt Kuhn. 

Sexualität eine Sprache geben

Nein, es kann nicht darum gehen, einen Verhaltenskodex für den richtigen Umgang mit intimen Inhalten in Social Networks in Stein zu meißeln. Ja, es muss darum gehen, dass vor allem Eltern gemeinsam mit ihren Kindern bewusst darauf schauen, welche Konsequenzen bestimmte veröffentliche Inhalten mit sich bringen können.

Das ist keine bahnbrechend neue Erkenntnis, sondern eine verantwortungsvolle Aufgabe. Aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß Therapeutin Sabine Fischer, dass es nach wie vor viele Eltern gibt, die gar keine Verantwortung übernehmen: „Wenn dann bei Facebook zum Beispiel eine Pose von der Tochter drinnen ist, wo man sich denkt ‚Oh Mein Gott, das ist schon wirklich höchst erotisch’, dann reagieren die Eltern meist mit Ignoranz, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen.“

Sabine Fischer zu Aufklärungsarbeit und Verantwortung

Die wichtigste Voraussetzung, um sich ernsthaft mit dem Thema Sexualität und Social Web auseinanderzusetzen, sieht Fischer darin, eine gemeinsame Sprache zu sprechen: „Wir kennen Sexualität zum Beispiel aus Bildern und Filmen, wo mit Fantasiebotschaften gearbeitet wird. Ich würde es sehr begrüßen, wenn das Thema, das eh schon allerorts anwesend ist, eine Sprache kriegt, damit auch junge Menschen sich ernsthafte Gedanken darüber machen können.“


Prominente Vorbilder wie z.B. Miley Cyrus machens einem da nicht leicht. Sie inszenieren sich und ihre Sexualität auf verrucht-laszive Art. Konkret werden die Anspielungen nie. Was bleibt, ist der fade Beigeschmack von unreflektierter Effekthascherei und plumpem Selbstmarketing. Wer kann damit ernsthaft etwas anfangen?

Ein wirklich gelungenes Beispiel für den reflektierten und ausformulierten Umgang mit sexuellen Inhalten, ist der YouTube-Channel von 61 Minuten Sex. Er kommt ohne große Umschreibungen aus, trifft einen sehr jugendlichen Ton und bleibt dabei stets ernsthaft. Hut ab!

61 Minuten Sex erklärt die Brust

Sex sells, oder nicht?

Wo Miley Cyrus „twerkt“ und Rihanna blankzieht, positionieren Unternehmen und Institutionen auf ähnlich implizite Art sexuelle Inhalte, um Produkte, Dienstleistungen und Events an den Käufer zu bringen. Was in den 60ern mit der Enttaburisierung der kommerziellen Sexindustrie begann, treibt heute nicht nur in klassischer Werbung, sondern eben auch im Social Web immer wildere Blüten. Gilt die Schlagerphrase „sex sells“ noch? Fakt ist, dass durch die Vernetzung der Rezipienten und Kunden, jede Werbebotschaft auf dem Prüfstand steht.

Tiparillo Zigaretten-Werbung aus 1967

Tiparillo Zigaretten-Werbung aus 1967

Foto: Flickr-User rchappo2002 (cc Lizenz)

Wo mit frivolen Andeutungen geworben wird, entbrennen im Social Web heiße Diskussionen. Gegenbewegungen formieren sich in rasender Geschwindigkeit. Bestes Beispiel hierfür ist das #aufschrei-Movement. Vermeintlich sexistische oder frauenfeindliche Botschaften werden unverzüglich angeprangert und verbreitet. Schnell entwickeln sich Empörungsspiralen, in denen sexuelle Inhalte als sexistisch gedeutet werden. Unternehmen müssen sich bewusst sein, dass jede unüberlegte Botschaft von der Community geahndet wird. 

Deswegen ist wichtiger als je zuvor, schlüssig und konsistent aufzutreten. Das, was Unternehmen kommunizieren, muss auf einem erkennbaren Fundament aus Werten und Haltungen fußen. „Sex sells“ hat keine allgemeine Gültigkeit mehr, Schluss mit plumper Effekthascherei. Das ist vergleichbar mit dem Geschlechtsakt an sich: Dirty Talk, Vorspiel und stimulierendes Drumherum bringen mir nichts, wenn ich nicht weiß, wie ich zum Punkt komme.

Durex Fantasy Finder

Durex Fantasy Finder

Screenshot von durexusa.com

Ein eindrucksvolles Beispiel für den souveränen und transparenten Umgang mit sexuellen Inhalten liefert Durex. Die unternehmerische Intention hinter deren „Fantasy Finder“ ist auf einen Blick erkenntlich und macht trotzdem Lust, sich mit den eigenen sexuellen Vorlieben auseinanderzusetzen. 

Die wichtigste Frage

Puuuhhh! Viel gelesen, viel gesehen, viel verlinkt. Lasst uns gemeinsam zusammenfassen. Das Social Web verändert unseren Umgang mit Sexualität nicht per se.

Durch die vielen vernetzten Möglichkeiten, sehen wir uns lediglich mit einem viel größeren Angebot an sexuellen Inhalten konfrontiert. Was uns dabei helfen kann, zu reflektieren und zu filtern, ist, Worte für das zu finden, was uns erregt und stimuliert. Nur so ist ein ernster Diskurs und bewusster Umgang mit dem, was wir wirklich wollen, möglich. Unternehmen müssen sich dieser Tatsache bewusst sein.

Sexuelle Botschaften sind dann erfolgreich und profitabel, wenn sie eine klare Sprache sprechen und einen offenen Diskurs anregen.

Psychotherapeutin Fischer ist fest davon überzeugt, dass es „immer eine persönliche Grenze geben wird. Für jeden einzelnen. Das ist auch wichtig.“ Die wichtigste Frage, die uns Sex stellen kann, ist „will ich das wirklich?“ Wenn wir sie mit ja beantworten, sollten wir die Freiheit genießen, die uns das Social Web beim Ausleben bietet. 

Nachspiel

Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, über Sexualität und das Social Web zu diskutieren: get in touch!

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Mailadresse des Autors: henric.wietheger@virtual-identity.com

Alle Kapitelfotos: thinkstockphotos.de